Das Porträt

FMG-INFORMATION 101, November 2010

 

 Am 25. September 2010 wurde in Rom am Heiligtum „Madonna del Divino Amore“ vom Präfekten der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen, Erzbischof Amato, im Beisein von 25.000 vorwiegend junger Menschen aus zahlreichen Ländern ein junges Mädchen aus der Fokolar-Bewegung, Chiara Badano, seliggesprochen. In verschiedenen Medien wurde ihr Leben kurz dargestellt. Auch wir möchten das Leben dieser jungen Italienerin skizzieren.

Quellen: G. Griesmayr/S. Liesenfeld, „Chiara Luce Badano. GOTT liebt mich doch!’ Ein kurzes, intensives Leben“ (Verlag Neue Stadt 2010); Mariagrazia Magrini, „Chiara Badano e il messaggio: stare al gioco di Dio“ (Zeitschriftenartikel); Michele Zanzucci, Chiara Luce la santità in 18 anni” (Città nuove 4/2000); http:// www .santiebeati.it/detailed/91545.html (auch Quelle des Fotos) u.a.

 

FRÜHVOLLENDET

Sel. Chiara Badano

 

*29. Oktober 1971 Sassello/Savona, Italien    + 7. Oktober 1990 Sassello, Italien


 

Ligurien ist eine Region im Nordwesten Italiens, die sich ent­lang der Küste (Ital. Riviera) von der französischen Grenze bis zur Toskana erstreckt. Etwa 50 km westlich der Hauptstadt Genua liegt Savona, und wiederum rund 25 km nördlich auf der Anhöhe des Ligurischen Apennin liegt das Dorf Sassello, der Heimatort von Chiara Badano. Ihr Vater Ruggero Badano arbeitete als Lastwagenfahrer, die Mutter Maria Teresa Caviglia war bis zu Chiaras Geburt in der Herstellung von „Amaretti“, eines süßen Mandelgebäcks, tätig. 1960 hatten sie geheiratet, doch elf Jahre auf die Geburt des einzigen Kindes warten müssen. Am 29. Oktober 1971 wurde Chiara (Klara) geboren (in Sassello; in anderen Quellen wird auch Savona als Geburtsort genannt).

Die Mutter erzählte ihr Geschichten aus der Bibel; das Familiengebet war selbstverständlich. Das Mädchen war temperamentvoll und fröhlich, eigenständig, aber nicht verzogen; es erkannte seinen Charakter wieder im zweiten der beiden Söhne im Weinberggleichnis, der erst nein sagt und dann doch den Willen des Vaters tut. Im Kindergarten hörte es von den Ordensschwestern von der Situation der Kinder in der 3. Welt, so dass sich der Wunsch bildete, einmal Medizin zu studieren und als Kinderärztin in Afrika zu arbeiten.

In der Schule war das lebhafte Mädchen geschätzt. Chiara liebte die Natur und den Sport – Schwimmen, Skifahren, Fahrrad- und Rollschuhfahren, Tennisspielen. Ihre Nächstenliebe, von einem lebendigen Glauben gespeist, äußerte sich etwa in einem Aufsatz aus dem 2. Schuljahr: „In wenigen Tagen ist Weihnachten... Ich hoffe, dass ich das eine oder andere Geschenk bekomme, und ich möchte an dem Tag ein gutes Herz haben. Weihnachten ist das Fest des JESUSKINDES… Ich wünsche mir, dass alle Kinder, die leiden, an diesem Tag glücklich sind.“ Bei der Erstkommunion 1979 erhielt sie ein kleines Neues Testament, in dem sie täglich las. Später sagte sie: „So wie es mir nicht schwergefallen ist, das Alphabet zu lernen, so soll es auch mit dem Leben nach dem Evangelium sein.“

Als Neunjährige wurde Chiara mit der Gen-Gruppe der Fokolar-Bewegung bekannt und wurde Mitglied. „Gemeinsam bemühen wir uns, für JESUS zu leben“, schrieb sie, und es wuchs in ihr der Wunsch, GOTT den ersten Platz in ihrem Leben zu geben. 1982, nach dem Übertritt in die „Mittelschule“, tat sie sich mit einem Lehrer schwer: „Ich versuchte ihn trotzdem gern zu haben… Inzwischen kommt es mir vor, dass der Lehrer mich zuerst grüßt, wenn ich es einmal vergesse.“ Wenn andere sich über sie lustig machten, weil sie gläubig war, sah sie es als „Kreuz“, das zur Nachfolge JESU gehört. Am 30. September 1984 empfing sie, gut vorbereitet, die hl. Firmung.

1985 trat sie in das Humanistische Gymnasium (liceo classico) in Savona über. Um ihr den weiten Schulweg zu ersparen, zog die Familie in die Stadt, was für Chiara weniger Kontakt mit den Freunden und dem vertrauten Dorf bedeutete, aber auch andere Kämpfe: „In den letzten Monaten fällt es mir sehr schwer, keine Schimpfwörter zu gebrauchen, und auch das Fernsehen mit nicht gerade guten Filmen ist eine Versuchung für mich. Ich bitte JESUS immer wieder darum, mir zu helfen, damit ich all dem widerstehen kann.“ Im Zusam­mensein mit Freunden wahrte sie bei aller Unbefangenheit die nötige Distanz, sie „wusste, was sie wollte, und was nicht“, so sagte eine Freundin. Obgleich sie sich sehr anstrengte, musste sie 1986 eine Klasse wiederholen. Einer Freundin schrieb sie: „Das ist ein ganz großer Schmerz für mich. Es gelang mir nicht gleich, diesen Schmerz JESUS zu geben. Ich habe lange gebraucht…“

Eine andere Freundin, die mit ihr Ferientage verbrachte, erinnerte sich: „Man konnte sehen, dass sie aus dem Glauben gelebt hat… Sie konnte sich so an der Schönheit der Natur freuen und war voller Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer. Chiara hat mir gezeigt, wie man während des Tages in lebendigem Kontakt mit GOTT bleiben kann.“

1988 fiel auf, dass Chiara öfter müde, niedergeschlagen und nervös war; Schmerzen traten auf. Am 2. Februar 1989 diagnostizierten die Ärzte einen Knochentumor an der siebten Rippe links mit Metastasen in den angrenzenden Weichteilen. Die Eltern brachten das Mädchen ins Krankenhaus nach Turin; unterwegs an einem Wallfahrtsort besuchten sie die hl. Messe; Chiara beichtete. Auf dem Weg in den Operationssaal sagte Chiara zu ihrer Mutter: „Sollte ich sterben, feiert eine schöne Messe; und sagt den Gen, sie sollen laut singen“. Als sie nach der sechsstündigen Operation erwachte, flüsterte sie: „Warum, JESUS? – JESUS, wenn Du es willst, will ich es auch.“

Natürlich hoffte Chiara, gesund zu werden, doch sie ahnte, dass die Operation nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte, und bat den Arzt um klare Auskunft. Als die Mutter danach zu ihr kam, war ihr Gesicht von Schmerz geprägt und sie wollte nicht reden. Nach einer halben Stunde war ihr Gesicht wieder wie sonst, entspannt und strahlend. Sie hatte offenbar innerlich ihr Ja gesagt. Einige Zeit später sagte sie ihrer Tante: „Ich werde nicht mehr gesund; das weiß ich jetzt. Nun geht es darum, den Willen GOTTES zu tun. Und ich bin bereit dazu.“

Es folgten verschiedene ambulante und stationäre Behandlun­gen, Chemotherapien und Bestrahlungen in verschiedenen Kliniken. Die Nebenwirkungen wie auch die heftigen Schmerzen aufgrund von Metastasen im Rückenmark und Spasmen in den Beinen machten ihr arg zu schaffen. Sie konnte ihre Beine nicht mehr belasten. Doch sie jammerte nicht und sagte der Mutter oft: „Jeder Augenblick ist kostbar; er darf nicht vergeudet werden. Wenn er gut gelebt wird, hat alles einen Sinn. Alles relativiert sich, auch in den schrecklichsten Momenten, wenn wir es JESUS schenken. Deshalb geht der Schmerz nicht verloren, sondern hat einen Sinn als Geschenk für JESUS.“ Nach einer schlimmen Krise erholte sich Chiara wieder etwas und konnte im Juli 1989 wieder überglücklich nach Hause zurückkehren, wenn auch nur für einen Monat. Sie lag im Bett, las viel, schrieb, telefonierte mit vielen Freunden. Neue Untersuchungen und Therapien folgten, ein kräftezehrendes Pendeln zwischen Sassello und Turin. „Ich merke, dass ich aus mir heraus nichts vermag. Diese Therapien rauben mir alle Kräfte, doch ich vertraue fest auf GOTTES Liebe und opfere meine Schmerzen auf, auch in den schwierigsten Momenten.“ Ihren 18. Ge­burtstag konnte sie zu Hause feiern, wollte aber keine Geschenke; was sie dennoch an Geld bekam, gab sie an einen Bekannten weiter, der als Entwicklungshelfer in Benin arbeitet. „Da, wo ich hingehe, brauche ich nichts.“ Ein großer Schmerz war ihr, dass sie Weihnachten 1989 nicht zu Hause verbringen konnte. Als am Hl. Abend der Turiner Kardinal das Kinderkrankenhaus besuchte und zu ihr ins Zimmer kam, fragte er sie: „Wie kommt es, dass du so strahlende Augen hast?“ Schüch­tern antwortete sie: „Ich bemühe mich, JESUS zu lieben.“ Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolare, mit der Chiara in brieflichem Kontakt stand, hatte dem Mädchen den Beinahmen „Luce“ (Licht) gegeben.

Auch als die Schmerzen immer unerträglicher wurden, wollte Chiara kein Morphium oder hochdosierte Schmerzmittel: „Sonst habe ich keinen klaren Kopf. Und ich kann JESUS nur den Schmerz schenken. Etwas anderes habe ich nicht mehr.“

Den Monat Mai 1990 verbrachte Chiara in Sassello. Sie wusste, dass ihre Situation aussichtslos war und entschloss sich dann, die Chemotherapie abzubrechen. Sie war froh, wieder nach Hause, nach Sassello zurückkehren zu können. „Jetzt bin ich JESUS näher. Ich muss mich darauf vorbereiten, Ihm zu begegnen.“ Sie sprach ihren Eltern Mut zu: „Wenn ich in die Kirche getragen werde, musst du singen, denn ich werde mit dir singen. Und du musst auf Papa achtgeben, dass er nicht anfängt zu weinen, denn das stört.“

Ende September durchlebte Chiara einen Moment tiefer Exis­tenzangst, fand aber im Vertrauen auf JESUS wieder den Frieden. In den Morgenstunden des 7. Oktober 1990 starb sie. Die letzten Worte waren: „Ciao, Mama, sei glücklich, denn ich bin es.“ Sie wurde auf dem kleinen Dorffriedhof von Sassello begraben. Das Requiem hielt der Diözesanbischof mit vielen Priestern und Hunderten von Jugendlichen.

Die Diözese Acqui, zu der Sassello gehört, eröffnete am 11.6. 1999 den Seligsprechungsprozess; 2008 wurde Chiara der heroische Tugendgrad zuerkannt; am 19.12.2009 bestätigte der Hl. Vater ein Wunder auf ihre Fürsprache als Voraussetzung für die Seligsprechung am 25.9.2010.

 

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