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„Plötzlich brach über dem See ein Wirbelsturm los; das Wasser schlug in das Boot, und sie gerieten in große Gefahr. Da traten sie zu Ihm und weckten Ihn; sie riefen: Meister, Meister, wir gehen zugrunde! Er stand auf, drohte dem Wind und den Wellen, und sie legten sich, und es trat Stille ein. Da sagte Er zu den Jüngern: Wo ist euer Glaube?“
Lk 8,23ff
Bild: Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669):
CHRISTUS im Sturm auf dem See von Galiläa
Ein Wort zur Debatte über den Missbrauch junger Menschen
Die Situation der offenkundig gewordenen Vergehen an Kindern und Jugendlichen hat sicherlich eine Vielzahl von Aspekten. Hier möchten wir mit dem Evangelium vom Seesturm einige Gedanken vorlegen, wie wir als Glieder der Kirche die Situation verstehen.
Ein alter Betrachtungstext, auf den wir kürzlich gestoßen sind, deutet das Schlafen des Herrn im Boot auf den mangelhaften Glauben der Jünger: Weil der Glaube schläft, entsteht der Sturm. „Denn wenn sich mitten im Tugendstreben der Ansturm unreiner Geister, böser Menschen und schlechter Gedanken vermehrt, dunkelt der Glanz des Glaubens, schwindet die Erhabenheit der Hoffnung, erlischt die Flamme der Liebe.“ Der Text verweist aber auch auf die Rettung aus dem Sturm: „Es erhebe sich der Glaube, und bald zähmt der Herr den Ansturm der bösen Mächte und die Wogen der Verfolger.“ (Wilhelm von Merton)
Der Sturm, in den das Schiff der Kirche geraten ist, wird zwar von kirchenfeindlichen Kräften benützt und geschürt, aber verursacht haben ihn Einzelne, die ihre Berufung, Menschen zu Christus zu führen, verrieten. Anstatt junge Menschen die Liebe zu Gott, die Freude des Glaubens und den Weg der Hoffnung zu lehren, haben sie ihnen anvertraute Kinder und Jugendliche tief entwürdigt, häufig seelisch und geistlich schwer verwundet, nicht selten in ihrer Entwicklung schwer geschädigt und ihnen lebenslang schwärende Verletzungen angetan. Sie, die die Kirche vertreten sollten, haben ihre Glaubwürdigkeit schwer beschädigt. Christus selber ist in den Kleinsten Seiner Brüder und Schwestern Schlimmes angetan worden. Sein hartes Wort vom Mühlstein für jene, die den „Kleinen“ Ärgernis geben (Mt 18,6), trifft hier zu.
Doch mitverantwortlich sind auch andere, die wegschauten oder beschönigten, statt ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen. Und es gibt auch jene mitverantwortlichen „Schreibtischtäter“, die die anspruchsvolle Sexualmoral der katholischen Kirche dem laxen Zeitgeist der sexuellen Revolution anpassen wollten und solches seit Jahren - bis heute - lehren. Wo es Sünde, die in sich böse ist, nicht mehr gibt, wo sie „wegerklärt“ wird, weil Umstände und Absichten der Handelnden entscheidender seien als das Gebot Gottes; wo Gott zu einem nachgiebigem „Allesschlucker“ gemacht wird, der Schuld nicht straft, sondern ohne Umkehr vergibt; wo die Sexualmoral der Kirche angegriffen und ausgehöhlt wird, weil dem heutigen Menschen voreheliche Enthaltsamkeit nicht mehr abverlangt werden dürfe; weil es unzumutbar sei, auf der Zusammengehörigkeit von ehelicher Liebe und Fruchtbarkeit zu bestehen; weil die biblische Ablehnung homosexuellen Tuns nicht gültig sein darf – muss man sich da wundern, darf man sich da empören, wenn sexuell unreife, pädophile, ephebophile Menschen auch meinen, es sei nicht so schlimm, ihren Neigungen nachzugehen?
Und wenn von sexuellem Missbrauch die Rede ist – und es wurden da von Opfern in den Medien teilweise üble Dinge erzählt (auch von nichtkirchlichen „Reformschulen“!) – warum fehlt jede Sensibilität dafür, wie Kinder mitunter im schulischen Sexualkundeunterricht verstört und seelisch verletzt werden? Ist das in Ordnung, weil der Staat der Auftraggeber ist? Und hier sind sog. katholische Schulen mitunter besonders hart gegenüber Eltern, die ihre Kinder vor Schamzerstörung, sexueller Stimulierung und seelischer Verletzung bewahren wollen (man denke nur an die Eltern in NRW, die deshalb Gefängnisstrafen verbüßen).
Die Folgerung aus all dem darf nicht nur „gnadenlose Nulltoleranz“ gegenüber Priestern oder Ordensleuten sein, die Kindern wirklichen sexuellen Missbrauch angetan haben. Es muss wieder eine Verkündigung und Verteidigung der verbindlichen Lehre der Kirche auf diesem Gebiet geben – denn sie ist heilbringend und befreiend, weil sie der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes entspricht. Und wir müssen Gott Sühne leisten und Seine Gnade erbitten: Gnade der Heilung für alle, denen schreiendes Unrecht angetan wurde, Gnade der Einsicht, Umkehr und Vergebung für die Täter, Gnade und Mut für alle Hirten, nicht vor dem Zeitgeist in die Knie zu gehen, sondern allein vor dem Herrn.
vgl. Titelseite und Vorwort der FMG-INFORMATION 99